Sonntag, 14. Juni 2009

Eine Reise in die Vergangenheit



Das Thema Reisen lässt mich dieser Tage offenbar nicht los, obwohl die heutige Unternehmung sich natürlich bescheiden ausnimmt gegen die große Tour, die ich nächste Woche vorhabe. Es ging nämlich auf den Brocken.

Anlass war, dass meine Oma da "immer noch mal hin wollte". Und da die Dame gestern 89 geworden ist, bestand ein gewisser Zugzwang: auch bei optimistischer Schätzung sind allzu viele Geburtstage wohl nicht mehr drin. Ein bisschen Schlitzohrigkeit gehörte außerdem dazu. Denn zwar jammert meine Oma udn (mir und meiner Mutter) immer vor, was sie alles unternehmen möchte. Macht man dann allerdings einen konkreten Termin aus, sagt sie, wenn man sie gerade abholen will, mit einer mehr oder weniger fadenscheinigen Begründung ab. Also ließen wir den Trip ihr gegenüber als "Fahrt ins Blaue" laufen.

Heute Morgen dann der Erfolg: pünktlich um Viertel vor 10 stand sie abfahrbereit in ihrer Wohnung, Oma und Rolator ins Auto geladen, und ab ging's. Geplant war, die Brockenbahn ab Schierke zu nehmen. Da wir dort allerdings den Bahnhof nicht fanden (alle Straßenschilder sind in Frakturschrift auf Holz gelötet - sehr schwer lesbar vom Auto aus), bestiegen wir den Zug mit etwas Gehetze schließlich in Drei Annen Hohne.

Schiiiiet! Ab fuhr die Dampflock. Langsam, gemächlich und unendlich nach Schwefeldioxid und sonst noch was riechend, wenn sie den schwarzen Rauch ausstieß. Ich genoss das Schauspiel bei strahlendem Sonnenschein auf einer der Plattformen am Ende des Waggons, schoss ein paar Fotos von Zug und Landschaft (die ich als Wanderrevier sehr gut kenne) und ließ mich ansonsten vom Rattern der Räder auf den Schienen und dem Quieschen der Scharniere zwischen den Waggons einnehmen.

Die Fahrt dauert fast eine Stunde; das ist zwar immer noch schneller als zu Fuß, aber keine echte Zeitersparnis, und vor allem ist das Erlebnis doch viel intensiver, wenn man einen Berg auf Schusters Rappen erklimmt. Na gut, mit Oma halt nicht drin!





Oben angekommen, gab's erstmal Thüringer Bratwurst, Apfelschorle und Kaffe aus Plastiktassen für die ganze Familie. Dann war Oma genug ausgeruht, so dass wir es schafften, sie mitsamt Rollator doch ziemlich nah an den höchsten Punkt zu bugsieren.
Ganz aber dann doch nicht. Die paar letzten Schritte taten meine Mutter und ich allein über den Felsdurchsetzten Schotter. Oben hatte man heute strahlenden Sonnenschein und halbwegs Fernsicht, bis auf nach Braunschweig ;-(




Auch wenn sie nun den allerhöchsten "Gipfel" nicht mehr erklimmen konnte, gefiel meiner Oma der Ausflug sichtlich. Nachdem sie sich das Treiben ungefähr eine Stunde angesehen hatte, sagte sie nämlich: "Als wir mit der Schule hier oben waren, war es noch nicht so voll." (Das war vor 75 Jahren!)

Dann begann es sich einzutrüben, und wir waren froh, dass unser Rückzug bald zur Abfahrt bereitstand. Unten angekommen, stand uns der Sinn noch einmal nach gemeinsamem Kaffeetrinken. Während ich zu Fuß vorging, um das Auto zu holen, fiel mir das passende Stichwort ein: "Königskrug". Das ist ein im Braunschweiger Land legendäres kleines Gasthaus, in dem es riesige Windbeutel gibt. Nun gut, die haben wir dann doch nicht mehr verzehrt, sondern Apfel- bzw. Waldbeerenkuchen und ein Kännchen Kaffee. Aber immerhin konnte ich die Augen meiner Oma noch ein zweites Mal an diesem Tag voll guter Erinnerungen glänzen sehen: "Wie früher."

Jetzt bin ich ... geschafft von dem ganzen Rumsitzen und Mitdenken für jemand anderen, der nicht mehr so eben mal schnell umdisponieren kann wie ich selbst, falls etwas schlecht geplant ist. Das ist dann wohl eher (aber hoffentlich nicht) die Zukunft.

Kommentare:

Hannes hat gesagt…

Eine schöne Reise in die Vergangenheit! Ich selbst war früher regelmäßig mit meinen Eltern ebenfalls im Harz und auch sehr oft auf dem Brocken. Es ist wirklich schön da - eine Rückkehr könnte ich mir ebenfalls vorstellen.

Die Erleberin hat gesagt…

@Hannes:
Wenn's mal so weit ist, sag' bescheid. Vielleicht können wir uns dann mal zu dem Anlass treffen.

Martin hat gesagt…

Ich war noch nie da, aber es gibt doch so einen schönen Lauf auf den brocken, oder ?

Die Erleberin hat gesagt…

@Martin:
Es gibt mindestens 2 Läufe: einen am letzten September-WE von Ilsenburg (~25 km) und einen von Wernigerode aus über die Marathondistanz, der am zweiten WE im Oktober stattfindet. Letzteren hab' ich schonmal gemacht. Seither leider keine Zeit mehr an den jew. Terminen

Gerd hat gesagt…

wenn man mit 89 noch Ziele hat, kann man deine Oma nur bewundern und beglückwünschen.
Eine Reise in die Vergangenheit. Ein schöner Ausflug!