Samstag, 7. März 2009

Chronologie eines Übertrainings

Ich hatte es irgendwie geahnt - und meine lieben Leser zu Zuschauern wider Willen bei einem unglückseligen Schauspiel gemacht, das "der sichere Weg ins Übertraining" heißt. Inzwischen bin ich mit Ruhe, Abstand und neuer Lust auf dem Wege der Besserung. Grund genug, das fatale Geschehen der letzten Monate noch einmal zu rekapitulieren, durchaus mit dem Anspruch einer "Lesson learned".

Dezember 2008: Aufgrund einer überraschend hohen Arbeitsbelastung bleibt für eigentliches Lauftraining kaum Zeit. Weil mir aber Bewegung nach langen Stunden am Schreibtisch (oder davor) erfahrungsgemäß gut tut, schiebe ich fast täglich ein Ründchen von 7 bis 10 Kilometern ein.

24.-26. Dezember 2008: Endlich, der Stress ist weg und mit den überreichlichen Mahlzeiten der Weihnachtstage gibt es neben dem traumhaft klaren Wetter einen weiteren Grund, wieder ausgiebiger zu laufen; ich genieße es.

27.-31. Dezember 2008: Dafür, wie "abgewrackt" und wenig im Training ich mich noch kurz zuvor gefühlt hatte, läuft es wirklich gut. Zwischen den Jahren ist auch endlich mal Zeit, alte Bekanntschaften zu pflegen, so mit meinem Nachbarn (und Superläufer) Andreas, der mich beim gemeinsamen Brunch auf die Spur des täglich mehrmaligen und teilweise harten Trainings nach Greif setzt. In derfolge laufe ich an Silvester noch einen 30er - und hänge Neujahr gemeinsam mit Andreas einen in Rekordzeit dran.

1.-8. Januar 2009: Noch ist es kein Problem, trainingsmäßig die guten Neujahrsvorsätze einzuhalten. Ich habe schließlich Urlaub, lebe in den Tag hinein und räume dem Laufen dabei ganz bewusst eine hohe Priorität ein. Allein beginne ich langsam zu spüren, dass sich dieses Pensum bei mindestens 40 Stunden Wochenarbeitszeit wohl nicht ohne Abstriche auf der einen (weniger laufen) oder anderen (totale Müdigkeit im Alltag) Seite wird durchziehen lassen.

9.-16. Januar 2009: Die erste Woche mit täglich zweimaligem Laufen plus Arbeit ist 'rum. Noch bin ich morgens mit Eifer dabei und erreiche beim abendlichen 15er ene neue persönliche Bestzeit nach der anderen. Im Hinterkopf macht sich aber langsam auch die Frage des "wie lange noch" breit.

17.-25. Januar 2009: Die zweite Arbeitswoche mit kombinierten hohen Trainingsumfängen. Irgendwie merke ich, dass es reicht, verschiebe den langen Lauf vom Donnerstag- auf den Freitagabend und kann ansonsten kaum noch "Gas geben" jedenfalls nicht mt Spaß. Entsprechend sehne ich die Regenerationswoche vor dem Doppeldecker am 31. Januar/ 1. Februar herbei.

31. Januar/1. Februar: Doppeldecker-Marathon in der Eifel, wobei ich auf den letzten 15 Kilometern des zweiten Tages einem fiesen Hungerast zum Opfer falle. Spaß habe ich an diesem Wochenende vor allem wegen des Begleitprogramms: ich besuche ein paar alte Freunde in Bonn.

2.-9. Februar: Nach ein wenig Ausruhen am Montag vom "Doppeldecker" versuche ich, mit dem Training wieder durchzustarten. Allerdings kann ich mich dafür nur mit der Aussicht auf den 75-Kilometer-Testlauf von Lübeck nach Hamburg motivieren - und damit, dass die Trainingseinheiten in den Wochen danach spezifischer, will heißen: kürzer, intensiver und abwechslungsreicher werden, motivieren. Darüber hinaus werde ich von Heißhunger-Attacken heimgesucht.

10.-22. Februar 2009: Ereignislose Wochen zwischen Unlust, Heißhunger und vor allem auch einem erhöhten Stundenpensum bei der Arbeit. Zum Hamburger Lauf muss ich nach einer dienstlichen Reise nach Berlin aus anreisen, und ab spätestens Marathon läuft es besch... Muskelschmerzen, Übelkeit, eben das volle Programm.

22. Febuar - 1. März 2009: Sobald ich ns Laufen denke, wird nicht vor allem schlecht, sondern ich kann mir keine blödere Freizeitbeschäftigung vorstellen. Jetzt bewahrheitet sich ein wenig, was vielleicht öfter mal wie eine Ausrede meinerseits erscheint: Laufen ist eine von vielen Komponenten in meinem Leben, ich kann auch aus anderen Aktivitäten sehr viel Ziehen und habe des Öfteren ein inneres Bedürfnis, dies auch auf Kosten des Laufens zu tun. Während Heißhunger und Müdigkeit verschwinden, locke ich die Lauflust sehr behutsam wieder hervor.

2.-7. März 2009: Die Gegenwart. Ich habe eine Lektion gelernt. Während die Lauflust wiederkommt und auch die Form (naja, so richtig "getreten" habe ich mich noch nicht) bin ich froh, den Sport jetzt mit noch weniger (krankem) Ehrgeiz anzugehen. Angesichts meiner eher unothodoxen Vorbereitungen in der Vergangenheit ist nicht einmal ernsthaft damit zu rechnen, dass sich das negativ auf meine Leistungen auswirkt. Eine weitere Lektion ist damit eng verbunden: Ich brauche weder technischen Schnickschnack, noch die Tipps irgendwelcher Laufgurus. Im Gegenteil!

Kommentare:

Hannes hat gesagt…

Eine interessante Chronologie, bei der man mit dir leidet, bei der man nun nachträglich betrachtet denkt "Warum hast du das so durchgezogen?" - Aber in den Momenten denkt man nicht dran. Du hast die Vorteile des Laufens gesehen.

Immerhin scheinst du nun die Lektion gelernt zu haben und wirst hoffentlich bald das Laufen wieder vollständig genießen können, auch wenn vielleicht ein wenig seltener als zweimal am Tag ;)

Kerstin hat gesagt…

Und langsam aufbauen und so... Nicht mehr als 10% Steigerung pro Woche, langsam angehen lassen, die Ungeduld bezaehmen, nicht alle auf einmal wollen.
Das faellt mir selber auch sehr schwer, aber du scheinst ja nun auf einem guten Weg zu sein.
Viel Spass dabei!

DocRunner hat gesagt…

Super, ich freu mich für Dich, dass es sich wieder eingerenkt hat. Deine Chronologie deckt sich mit meinen Gefühlen, wenn ich bei Dir gelesen habe. Von erster Bewunderung meinerseits ob Deiner Umfänge und Zeiten, über naja, diesen Gedanken, dass Du überheblich und unachtsam bezüglich Deines Laufpensums geworden bist, bis hin zu grenzenlosem Mitleid und der Hoffnung, dass Du wieder die Kurve kriegst.

Nimms mir nicht übel, nur ehrliche Gedanken ;-) Aber ganz klasse, dass ich/wir uns wieder mit Dir an tollen Laufleistungen erfreuen können.

Salut

Christian

Gerd hat gesagt…

Wenn man das so in einer Abfolge liest wundert einem echt nichts mehr.
Schön das Du daraus deine Lehren gezogen hast. Ich wünsche Dir einfach Spaß beim Laufen.
Nicht mehr und nicht weniger!

Martin hat gesagt…

Schon in den letztn Wochen dachte ich immer : Man wie sie nur ihre Kilomter abspult, wahnsinn. Ob sie sich nicht zu viel zumutet. Aber dann dachte ich mir immer, dass du eine wesntliche höhere Laufleistung bringen kannst als ich und du es doch gut wegstcken kannst, denn ich laufe ja nur ca. 2200km im Jahr.
Leider kam es anders und das tut mir richtig leid. Ich hoffe es wird allen Lesern helfen (auch mir) ihren Körper mehr zu schonen, mehr auf ihn zu hören, anstatt der Sucht Laufen zu fröhnen. Und die gibt es, ich kenne sie zur Genüge, mehr als man denkt.
Ich wünsche Dir jedenfalls gute Besserung und ein wiederkehrendes Laufgefühl, wie es eigentlich sein sollte und ich auch nur unregelmäßig spüre.

Die Erleberin hat gesagt…

@Hannes:
Dass man es selbst merkt und gleichzeitig auch wieder nicht merkt, ist wohl das Tückische an solchen Situationen.

@Kerstin:
Im Moment kann ich mich ganz gut zügeln. Liegt daran, dass ich tausend "Alternativprogramme" zum Laufen habe und kaum weiß, wann ich mir mal 'ne Stunde freischaufeln kann.

@DocRunner:
Keine Angst, ich bin nicht sauer. Allerdings ist es wohl so, dass ich diesen Prozess selbst erleben musste, um meine Lehren daraus zu ziehen. Guter oder auch strenger Rat hätte wohl schlichtweg nichts gebracht!

@Gerd:
Mich wundert's auch nicht. Ich stell's sozusagen als KnowHow für die Läufercommunity zur Verfügung.

@Martin:
Ich freue mich am allermeisten, dass diese schreckliche Phase überstanden ist. Und habe auch mal wieder ws gelernt ;-)

Anett hat gesagt…

Mei, bin ich froh, das es dir besser geht. Ich gehörte auch zu der ungeduldigen sorte Läufer. Alles musste jetzt gleich und sofort erledigt werden. Tempotraining, Umfangsteigerung...immer mehr...mit dem Ergebnis geschrotteter schienbeine kurz vorm 1.HM.
Ich neigte auch dazu immer mehr zu wollen, wenns grad gut lief. Drum bin ich im Moment ganz froh, das der Körper sagt: Ich hab wenig Lust zum Laufen. Wenns wärmer wird, hab ich noch genügend Zeit zum rasen und dann läufts wieder besser.
Regenerationswinter halt *grins*
Schöne Woche wünsch ich dir!!!!

Die Erleberin hat gesagt…

@Anett:
Eine Schwester im Geiste. Danke für die Schöne-Woche-Wünsche. Gleichfalls! Und ja: Wir werden wieder Zeit zum Rasen haben irgendwann ;-)

Cecile hat gesagt…

Ich merke, dass ich doch mein Kommentar vergessen habe zu speichern. Toll!
Schön dass du alles überstanden hast! Mir kann so etwas wohl nicht passieren, ich bin nicht so diszipliniert wie du. 1000 gute Vorsätze und trainingspläne und dann trainiere ich doch nach dem Launenprinzip. :)
Ich denke, dein Körper ist ein guter Barometer, um zu erkennen, was gut für dich ist!

Die Erleberin hat gesagt…

@Cécile:
Schön, dass du dich auch eingefunden hast hier bei mir. Und sag bloß nicht "das kann mir nicht passieren". Ich bin auch in die Diszipliniertheit "so reingerutscht".