Sonntag, 16. November 2008

Materialtest mit Endbeschleunigung

Der Titel dieses Posts mag etwas seltsam erscheinen, aber er trifft noch am Besten das Potpourri aus Vorhaben, Strecke und Trainingsform, das ich heute hinter mich gebracht habe und das mich doch einigermaßen zufrieden zurückließ.

Am vergangenen Dienstag hatte ich mir ja einen Rucksack (Deuter Speed Lite 20) samt Trinkblase angeschafft und las gestern bei den französischen Freunden vom "Ultrafondus", dass das Material für Trail-Läufe praktisch zu einem Körperteil werden müsse. Zusätzlich ermutigt machte ich mich also daran, das Preisschild vom Rucksack abzuknipsen, die Trinkblase auszupacken und vor allem die dazugehörige Gebrauchsanweisung zu lesen. Nun gut, zumindest beim Absaugen der Restluft scheine ich etwas nicht ganz so perfekt hinbekommen zu haben, denn meine anderthalb Liter Getränk schwappten bei jedem Schritt doch ziemlich in der Blase hin und her; weiß jemand, wie man es schafft, das Ding so zu befüllen, dass sich die Flüssigkeit wirklich auf die gesamte Höhe verteilt und sich nicht unten sammelt?

Als ich den ersten Schritt vor die Tür setzte, war es noch keine 12. Ich lief durch "meinen" Park und wurde dort von einigen Spaziergängern doch sehr seltsam beäugt. Einerseits kann ich das verstehen - wer braucht schon ein Getränke-Reservoir für eine Runde im Park; andererseits würde ich mir wünschen, dass zumindest Eltern (und das waren die mir entgegen Kommenden gemessen an der umherlaufenden Kinderschar) offen und pfiffig genug sind, zu merken, dass ein Läufer ja auch auf dem Weg nach weiter weg sein könnte!

Angesichts dessen, dass das eigentliche Vorsaison-Training noch gar nicht begonnen hat, lief ich zu Beginn betont langsam. Ehrlich gesagt hatte ich auch ein bisschen Respekt, eine so lange Strecke (> 30 Kilometer) wieder solo zu laufen und spekulierte irgendwie darauf, dass der Trinkrucksack mich schon bremsen und mir gleichzeitig eine Ausrede für mein niedriges Tempo liefern würde. Weiter ging's durch den Park, durch einen öden Außenbezirk der Stadt, wo die Novembersonne in besonders auffälligem Kontrast mit vielen Strahlen durch die Wolken schien und am See entlang, wo sich neben vielen Fußgängern und Joggern auch ein paar Entenfreunde auf dem vom Wind bewegten Wasser sonnten.

Bis dahin hatte ich nicht fotografiert, denn der Wind machte doch die Hände etwas steif und durch das "Tsch, Tsch, Tsch..." des Wasserbehälters fand ich den Lauf irgendwie nervtötend, wie er noch weitere gut 20 Kilometer vor mir liegen sollte.

Ab dem nächsten Abschnitt dann wurde es dörflicher. Ich lief an Pferdeweiden vorbei und dachte an die vielen Male, die ich mir bei langen Läufen erträumt hatte, davon eins zu kapern und so den Muskelschmerz in andere Partien umzuverlagern. Hinter der nächsten Kurven fraßen und wiederkäuten ein paar dick behaarte Rinder bei auffrischendem Wind auf ihrer Weide.





Dann schließlich hinaus auf's freie Feld, Feldweg und Autobahnunterführung Richtung Wolfenbüttel. Mit dem immer stärker werdenden Wind zeigten sich auch dick schwarze Regenwolken am östlichen und südlichen Horizont. Doch bis ich das bemerkte, versuchte ich mich noch in einem alten Spiel (gegen mich selbst) und gab an der Stelle, wo es nach der Autobahn einige hundert Meter ansehnlich bergauf geht richtig Gas. Dabei überholte ich zwei Pärchen, die mich diesmal verwundert aber freundlich anblickten und grüßten. Schließlich den lang gezogenen Feldweg nach Wolfenbüttel, von wo sich das Wolkenspiel so richtig schön sehen ließ und wo ich mich längs des Waldes wohl auf der Wetter abgewandten Seite befand.



Dann das gleiche zurück. Wieder der lange Feldweg, Autobahnunterführung, Gas geben. Zwischendurch nehme ich immer ein paar kräftige Hiebe aus meinem Trinkbeutel und finde, dass dieses Beißen und Saugen gleichzeitig ziemlich fordernd ist für eine außer Atem befindliche Läuferin. Bald habe ich 20 Kilometer in den Beinen. Die Herbstsonne hat sich verzogen, und mir ist nicht nur kalt, sondern ich fühle michauch schwach und vor allem unmotiviert, jetzt noch etwas mehr als 10 zusätzliche Kilometer zu absolvieren. Es ist dieser berühmte Punkt, an dem nicht nur die Beine, sondern auch der Kopf schwer werden - es steigt die Frage auf, warum ich mir so etwas heute antue und ob ich das in Zukunft in noch viel gößerem Umfang tun will. Eine Antwort finde ich nicht, vermutlich, weil ich diesen Anfechtungen gegenüber abgehärtet bin.

Irgendwann habe ich mich genug durch den Teil geschlängelt, der macht, dass bei diesem Lauf der Rückweg, so wie in die "Szene" nutzt, etwas länger ist als der Hinweg. Ich bin wieder am See und meine Fußsohlen brennen. Links macht sich unter dem Fußgewölbe der Schmerz einer Blase bemerkbar. Nachdem ich sie während der schwachen Phase zuvor in den Rucksack gepackt hatte, nutze ich diesen Totpunkt, um sie wieder auszupacken und noch zwei Bilder von der herbstlichen Atmosphäre samt Wind und Laubfärbung zu schießen.



Und dann geht es wieder. Ein, zwei Kilometer noch, dann bin ich zurück im Park, in der Stadt und werde mich mal in dem versuchen, was als "Endbeschleunigung" durch Trainingspläne und Foren spukt. Wohl weißlich: eine gute Spurterin bin ich nicht, meine Marathons sind weit davon entfernt, dass ích die zweite Hälfte schneller hinter mich brächte als die erste, bei der ich mich meist schon völlig verausgabe. Aber ich will diese Tempoverschärfung heute, ich will wissen, wie es ist, wenn man etwas macht, von dem man immer dachte, es ginge irgendwie nicht. Und es geht. Fast leichtfüßig trabe ich durch den Park, vergesse alles um mich herum und komme schließlich in den Stadt, laufe zwischen den Villen hindurch auf Laub übersäten Fußwegen und kreuze eine letzte Hauptverkehrsstraße. So einfach als wäre nichts gewesen.

Mit der Zeit (2:46 Std.) kann ich für über 30 Kilometer wirklich zufrieden sein. Das neue Material hat bis auf den wahrscheinlichen Befüllfehler auch gehalten, was es versprach: keine Verspannungen im Schulterbereich. Zufriedenheit. Und deutliche Erinnerung an die Zweifel. Nun gönne ich mir erstmal eine Dusche, ein Brot mit Quark und Marmelade (ich habe bislang noch gar nichts gegessen) und vor allem eine Beinmassage mit Arnika. Morgen gönne ich mir lauffrei. Auch das schön, wenn man's mal hat!

Kommentare:

Kerstin hat gesagt…

Nicht schlecht, Frau Specht!
Lange Laeufe sind ja immer so eine Sache.
Zur Trinkblase: Die Schwerkraft zieht das Wasser immer unweigerlich nach unten. Aber wenn du die Luft raussaugst schwappt es nicht so. Braucht vielleicht ein bisschen Uebung.
Bevor ich Radbegleitung hatte, habe ich auch oft so einen Trinkrucksack mitgenommen, aber wirklich toll fand ich das nie, vor allem weil der wegen des enormen Schweissflusses und der spaerlichen Bekleidung doch irgendwann scheuert. Deswegen lege ich mir nun, wenn ich alleine laufe, meine Strecken gerne so, dass ich an Wasserstellen vorbei komme.

ultraistgut hat gesagt…

Überrascht mich doch sehr, dass du bei diesen Temperaturen einen Trinkruck-Sack mit dir herum schleppst,zur Gewöhnung, ja ?

Das wäre auch nichts für mich, so ein Ding mit mir herum zu schleppen. Ich handhabe es wie Kerstin, entweder an Stellen vorbei laufen, an denen es Wasser gibt oder einen netten Menschen in Fahrrad-Begleitung an meiner Seite, aber so ein Sack ? Nee !

Gut gelaufen, kann ich mich dir so richtig vorstellen, wie du durch Eure schöne Landschaft " fast leichtfüßig " düst. Deine Stimmung ist gut, auch das freut mich.

Na dann, dürfen wir gespannt sein !

Die Erleberin hat gesagt…

Hallo ihr zwei: "An Stellen vorbeilaufen, wo es was zu trinken gibt" würde ich auch gerne. Ist aber in unserer schönen Stadt leider Fehlanzeige; z.B. im Gegensatz zu Frankreich, wo es zumindest überall (leicht gechlortes) Leitungswasser in den Parks gab...

Pienznaeschen hat gesagt…

Klingt toll ... und nach Deinen Beschreibungen und den Fotos kommst Du auf der Strecke auch nicht wirklich an Tankstellen vorbei an denen Du etwas trinkbares bekommen könntest. Dann ist es natürlich doppelt viel wert das der Rucksack und Du gut zurecht kommen - ich hätte mit Nacken/Schulterprobleme gewettet (zumindest bei mir selber).

Lars hat gesagt…

Ich habe auch den Deuter, finde den aber immer unpraktischer, denn: Da geht nicht viel rein (Jacke, Kamera und er ist voll, an der Seite oder den Trägern sind keine Taschen für Kleinkram, den man schnell oder ständig zur Hand haben will (kamera, Essen, Tempo,..), die dünnen Träger schneiden bei Läufen über 5h schon auch mal ein.
Ich habe mr jetzt einen gekauft von raidlight (unter racelight.de) und bin seeeeehr zufrieden. Für Trails wesentlich durchdachter gearbeitet.

Cecile hat gesagt…

Trinkrücksack finde ich echt lästig und im Sommer schwitzt man noch mehr mit dem Ding. Ich habe einen Gurt und noch Wasser im Auto/Fahrrad und versuche meine Strecke so zu berechnen, dass ich bei 20 km an dem Auto/Fahrrad vorbei komme. Es ist natürlich riskant..Die Lust aufzuhören ist sehr groß aber Wasser und einen Riegel machen müde Beine wieder munter!

Die Erleberin hat gesagt…

@lars:
Reden wir über dasselbe Modell? Meiner hat nämlich zusätzlich zum Wasser noch 20l Stauvolumen, was ich reichlich finde, 2 seitliche Netztaschen und die Träger finde ich auch nicht dünn. Im Gegenteil habe ich mit zu breiten Trägern, die auch noch im Winkel angenäht sind, häufig das Problem, dass die dann über die Schultern hinausragen und unter den Schultern drücken...

@Cécile:
Also, bisher finde ich den Rucksack besser als meinen Trink-Gurt, der mir immer fast den Atem abschnürt. Habe aber gelesen, das liegt daran, ob man mehr in den Bauch odermehr in die Brust atmet.

Jedem das Seine...

Cecile hat gesagt…

Hi, bist du gut nach Hause gekommen! Das war ja ein Wetterschen! Ich war noch auf dem Fotovortrag und dann spontan feiern! Ich schätze, du warst vor mir zu Hause!! :)
Es war total nett gestern... schmeckt nach mehr!! hihi
Bisous