Sonntag, 12. Oktober 2008

Die Trägheit der Massen

"Conforme se avanza por la existencia, va uno hartándose de advertir que la mayor parte de los hombres — y de las mujeres — son incapaces de otro esfuerzo que el estrictamente impuesto como reacción a una necesidad externa. Por lo mismo, quedan más aislados y como monumentalizados en nuestra experiencia los poquísimos seres que hemos conocido capaces de un esfuerzo espontáneo y lujoso. Son los hombres selectos, los nobles, los únicos activos, y no sólo reactivos, para quienes vivir es una perpetua tensión, un incesante entrenamiento. Entrenamiento = áskesis. Son los ascetas."*


"Mit zunehmenden Lebensalter wird man nicht umhinkommen zu bemerken, dass der Großteil der Männer - und der Frauen - unfähig zu jeder Anstrengung ist, die ihnen nicht unmittelbar als Reaktion auf eine äußere Notwendigkeit aufgezwungen wird. Gleichzeitig bleiben uns diejenigen wenigen Menschen umso einzigartiger und denkwürdiger im Gedächtnis, die wir als spontaner und luxuriöser [d.h. nicht zwingend notwendiger, d. Übers.] Anstrengung fähig kennen gelernt haben. Sie sind die Auserwählten, die Noblen, die einzig Aktiven und nicht bloß Reaktiven, für die das Leben eine immerwährende Spannung, ein ständiges Training ist. Training = Askese. Es sind die Asketen."

(Eigene Übersetzung, entschieden verbessert durch die Anmerkungen von José. Danke dafür!)


Von Verweichlichung war neulich bei Black Sensei die Rede. Und wäre es wahrscheinlich nicht gewesen, wenn das Tragen zu warmer Kleidung bei Menschen, die aufgrund der Errungenschaften von Heizung und Isolierung und auch des Zwangs, einen Großteil ihrer Zeit sitzend oder stehend ohne Kontakt zur Natur zu verbringen, ein reines "Oberflächenphänomen" wäre.

Dass dem nicht so ist, sondern es vielmehr Ausdruck und Symptom der allgemeinen Weigerung ist, den Dingen in die Augen zu sehen und Verantwortung zumindest für sich selbst zu übernehmen, kann im Kleinen wie im Großen alltäglich beobachtet werden. Das beginnt mit den Kollegen (oder wahlweise Beschäftigten anderer Unternehmen), die sich das Leben nicht selbst durch übetriebenen Ehrgeiz oder Feigheit zur Hölle machen - es ist der Chef, der einfach nicht hellsehen kann und so natürlich immer das für mich Falsche tut. Es setzt sich fort bei den ganz jungen Menschen in der Schule, die nicht einfach mal Vokabeln pauken oder "taktisch die Klappe halten" können, wenn ihr vermeintliches Lebensglück von der rettenden Vier abhängt - stattdessen ist der Lehrer schuld. Desgleichen für die Universitäten, die mit dem Bezahlstudium nun "endlich" zur für die Studierenden anstrengungsfreien Traumnotenvergabeeinrichtung geworden sind - nur weshalb bekommt man keinen Job für das Super-Zeugnis?

Doch kommen wir wieder näher zu einem uns allen bekannten Feld, dem Sport. Regelmäßig betrieben, führt er gemäß langjähriger Erfahrung von Praktizierenden (und jetzt sogar in Studien bewiesen) zu einer Verbesserung des körperlichen und seelischen Befindens. Allein: dieser Weg führt über ein Minimum an Anstrengung und Selbstdisziplin, und dieses Ungemach, etwas selbst in die Hand zu nehmen, bevor es zu spät ist, wollen sich Viele lieber ersparen. Wie auch nicht zwischen zu langen (teilweise selbst auferlegten) Arbeitsstunden und vielleicht einer Familie, in der man den zunächst bequemeren Weg der Nicht-Erziehung und Abwesenheit jeglicher Disziplin(ieruung) gegangen ist? Hinzu kommt, dass ein fernes großes Übel (die Folgen langanhaltender Inaktivität) leichter zu ertragen - weil bequemer - ist als ein nahes kleines - die besagte Anstrengung.

Damit ist keineswegs der Sportler als "besserer Mensch" auserkoren. Vielmehr entpuppt sich die körperliche Inaktivität als Zeichen geistiger Trägheit und allgemeiner Unproduktivität, so auch in dem bereits 1937 erstmals erschienen Werk von Ortega y Gasset. In westlich-sozialmechanistischer Manier geht er gründlich den Prinzipien nach, denen entsprechend die Menschen zu übetriebener Selbstzufriedenheit und damit zu allgemeiner Destruktivität gelangen - und beschreibt dabei in gewisser Weise das Negativ östlicher Weisheitslehren. "Lösung statt Lamento" kann in diesem Zusammenhang nur bedeuten, sich auf den Weg zu machen und andere, soweit sie eine minimale Bereitschaft dazu zeigen, auf diesen Weg mitzunehmen. Nicht Unfähigkeit, nicht Hass, sondern Trägheit und Selbstzufriedenheit sind die Grundübel, aufgrund derer der Mensch sich selbst zum Wolf wird. Zu üben, einen Fuß vor den anderen zu setzen, wird zum individuell befreienden Akt, wobei die Schritte gern symbolisch und im übertragenden Sinne verstanden werden dürfen.

*Ortega y Gasset, José: La rebelión de las masas. Madrid, 2006.

Kommentare:

ultraistgut hat gesagt…

Danke für diesen Artikel, dem nichts zu entgegnen ist.

Seit vielen Jahren trage ich dieses Zitat von Ortega y Gasset mit mir herum, das in diesem Zusammenhang perfekt angebracht werden kann:

" Die Bestimmung des Menschen liegt in der Aktion. Sportliches Leistungsstreben kann das freudvolle Erlebnis der Selbstüberwindung haben. Erfolgsstreben erfordert Willenskraft, Härte, Konzentrationsfähigkeit, Nerven, Stärke, Wagemut, Intensivierung der psychischen Funktion ".

Die Erleberin hat gesagt…

@ultraistgut:
Danke für das Zitat. Es passt noch besser zur Stoßrichtung meines Artikels als das von mir gewählte. Im Übrigen war ich geschockt, als ich bemerkte, wie Ortega y Gasset die soziale und politische Entwicklung des 20. Jahrhunderts inklusive ihrer schrecklichsten Fratze vorweg genommen hat...

Black Sensei hat gesagt…

Danke für diesen wahren Artikel! Unsere Beiträge ergänzen sich, da könnte man glatt eine Serie aufbauen.

Auf die Gesellschaft übertragen, hast Du Recht. Disziplin? Was ist das? Das wird heute nicht mehr gelehrt, gelebt. leider.

Geistiges und körperliches Wohlbefinden und Ausgeglichenheit basieren natürlich auf Anstrengung, hier Sport. Und das setzt Selbstdisziplin voraus, bzw. wird die Entwicklung selbiger damit forciert. Eines bedingt das andere. Die Crux der Tatsache liegt in der Erkenntnis zu realisieren, daß Anstrengung nichts Böses ist. Im Gegenteil. Aber erst einmal zu diesem Punkt kommen, ist für viele Menschen mehr als schwer.

„Zu üben, einen Fuß vor den anderen zu setzen…“ – Nicht üben, machen. Tun wir es.

Die Erleberin hat gesagt…

@blacksensei:
Habe das "Stöckchen" ja auch bei dir aufgeschnappt!

José hat gesagt…

Zu Deiner Übersetzung hätte ich ein paar Anmerkungen... vielleicht besser per Mail?

Die Erleberin hat gesagt…

@josé:
mh, ich geb' ungern meine Mailadrese 'raus. Da ist es mir un-peinlicher, wir regeln das hier so im Blog. Oder sind es Fehler, die man missinterpretieren könnte?

José hat gesagt…

Nein, kein Problem. Die erste Passage: "Conforme se avanza por la existencia, va uno hartándose de advertir..." hast Du falsch interpretiert; er spricht nicht über die Existenz der Massen, sondern über die eigene. Es ist also eine vornehme Ausdrucksweise, die nichts weiter bedeutet als "Je länger man lebt". Ich würde schreiben:

"Mit fortschreitendem Lebensalter wird man nicht umhinkommen,..."

"más aislados y como monumentalizados en nuestra experiencia" würde ich würde ich mit "verbleiben diejenigen wenigen Menschen umso einzigartiger und denkwürdiger in unserem Gedächtnis, die..." übersetzen.

Zu "espontáneo y lujoso" klingt Deine Übersetzung leicht holprig, zu literal, sie kommt ja nicht ohne A.d.Ü. aus, aber leider fällt mir keine bessere ein; auch die spanischsprachige Literatur greift hier gern zum Nebensatz :)

http://tinyurl.com/4e3r5w

Viele Grüße

José