Samstag, 18. Oktober 2008

Leben ohne "um zu"

Heute war ich mal wieder in meinem Lieblings-Buchladen. Er ist eine dieser glücklichen Ausnahmen, die zur Boomzeit der Lese-Ketten bereits groß genug waren, um auf eigenen Füßen weiter zu bestehen, und der mit nüchterner Modernität statt verstaubter Regale nebst engagierten Buchhändlerinnen und Buchhändlern in allen seinen zahlreichen Abteilungen verheißt, dass Literatur nicht von gestern ist.

Lesen ist mein zweites Hobby nach Reisen, wobei das für mich keinen großen Unterschied macht. Eine gute Geschichte ist ein Abenteuer zwischen zwei Buchdeckeln, und in meinem Leben beflügeln sich beide gegenseitig: weite Reisen die Lust, mich über einer Tasse Kaffee in meinen Lesesessel zu schmiegen und Erzählungen von der großen weiten Welt die Lust auf eben diese.

Was mich aber fast noch mehr beflügelt als der Akt des Lesens selbst, ist die Findung des Themas, leicht vorstellbar verkörpert und komprimiert in dem mehrstöckigen Buchladen, durch den ich mit Beinen und Blick wandle. Was fesselt mich? Wozu müsste ich mich zwingen? Was springt ins Auge und worauf der Geist an? Dabei liegen sofortiges Feuerfangen und Desinteresse eng beieinander. Dort, im Tempel der Gedankenwelten leiten sie mich zu einer Übung an, die im wirklichen Leben zu den vielleicht wichtigsten übrhaupt zählt: Lies (bzw. tue) das was dir gefällt. Lies genau dies. Gehe nicht über Umwege und tu' es vor allem nicht "um zu": um über die Entwicklung in Afghanistan informiert zu sein, um zu kennen, was andere auch lesen oder im Leben: um dies oder jenes zu erreichen.

Es gibt kaum ein größeres Glück, als sich in ein Buch zu vertiefen und die Zeit damit so sehr zu genießen, dass man sie einfach vergisst. Und kaum ein schlimmeres Unglück, als seine Zeit zwanghaft mit Dingen gefüllt zu haben, die zu irgendetwas führen sollen. Ich probier's jeden Tag ein bisschen mehr: Leben ohne "um zu".

Kommentare:

Black Sensei hat gesagt…

Lesen ist wunderbar. Und genau wie Bewegung - tut es kaum noch jemand (Bücher). Zum Beispiel die Jugendlichen.

Ich habe Anfang diesen Jahres den Fehler gemacht, ein Buch "einfach so" auszuwählen. Und habe den ersten Band einer 17teiligen Saga erwischt.

Dennoch, danke Zufall!

ultraistgut hat gesagt…

Immer wieder bin ich überrascht von deinen Gedanken, deiner Reife in doch recht jungen Jahren, deiner Nachdenklichkeit, deiner Zielstrebigkeit.

Lies das -

tue das -

was dir gefällt !

Bin genau deiner Meinung.

Wir haben nur ein Leben, zu schade, um unsere Zeit mit Leben um zu zu verschwenden.

Gut dass du es in jungen Jahren erkennst und danach lebst, ich freue mich für dich, schließlich habe ich ein paar Jahrzehnte mehr als du auf dem Buckel und erlebe täglich andere Denk-Weisen bei jungen Menschen.

Cecile hat gesagt…

Hi Erleberin, geht es dir besser? Bisous

Die Erleberin hat gesagt…

Salut tout le monde,

@alle: Ja, es GEHT MIR BESSER. Ich werde jetzt so langsam wie nötig eine ganz kurze Runde durch den Park drehen. Gott sei Dank oder wer immer für meine Genesung verantwortlich zeichnet!

@black sensei:
Positive Zufallstreffer sind natürlich möglich. Viel Spaß mit den restlichn 16 Bänden 8-)

@ultraistgut:
Sagen wir mal, ich habe manchmal solche "reifen" Gedanken und versuche, danach zu leben. Manchmal klappt's manchmal muss ich mir in den H... treten.

@ihr zwei:
Allerdings habe ich nicht ein ganz so schlechtes Bild von den Jugendlichen. Zu eurer Zeit gab'S wahrscheinlich auch schon welche, die ihr Leben verschwendet haben, bzw. es getane hätten, wenn man sie an der "langen Leine" gelassen hätte wie heutzutage. Und Vernünftige gibt's auch immer noch.

@Cécile:
Danke der Nachfrage!

ultraistgut hat gesagt…

Klar, gibt und gab es immer welche von dieser und andere von jener Sorte, kein Zweifel, selbst in meiner nächsten Umgebung = eigene Kinder erlebe ich Positives, aber es gibt und gab eben auch die andere Seite, wie bei allem !