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Montag, 18. August 2008

Spaziergang im Regen

Blick auf den Wecker. Es ist zwanzig vor sieben an Tag 2 nach meinem ersten 100-Kilometer-Lauf. Und höre ich da etwa Regentropfen auf meinem Dachfenster? Naja, mehr als ein Spatziergang ist für heute ohnehin nicht eingeplant. Da ich es aber nicht gewohnt bin, so langsam unterwegs zu sein, dass ich nicht von der Anstrengung warm werde, streife ich vorsichtshalber meine orange Laufweste über und sehe nun einem Profisportler ähnlicher als je währen der Vorbereitungszeit.

Die Treppe komme ich schon wieder ganz gut runter. Wäre ja auch albern, wenn der Muskelkater in den Armen vom ungewohnten Abstützen irgendwann schlimmer würde, als in den Beinen. Gestern, nach einer unruhigen Nacht auf der Isomatte, wo ich mich nur mit Hilfe der Arme im Schlafsack drehen konnte, ging die Tendenz allerdings in diese Richtung...

Als ich den ersten Schritt vor die Tür setze, tropft es noch ganz kräftig, doch habe ich bald die Baumreihe vor dem Haus erreicht, durch deren Blätterdach das Nass noch gar nicht durchgedrungen ist. Antraben? Fehlanzeige. Ich mache eine paar halbherzige Versuche. Schließlich stehe ich an der Ampel, die für meine Begriffe für Fußgänger immer viel zu lange rot zeigt. Als ich endlich hinüber kann, bin ich vollgespritzt mit kaltem Wasser, das die FAhrzeuge von der Straße hochwirbeln.

Noch ein Antrabversuch unter Bäumen - und dieses Mal klappt es. Ich achte peinlich genau darauf, nur auf gerader Strecke Laufversuche zu machen. Zu wenig kann ich meine Füße anheben, um über Wurzeln und andere Unebenheiten nicht zu stolpen. Was für ein Bild ich wohl abgeben mag? Ein Glück, dass es regnet und mir so keine Passanten ihre "aufmunternden" Kommentare entgegen rufen können.

An meinen Beinen bemerke ich etwas Erstaunliches: Die allgemeine Steifheit löst sich langsam in einzelne, gut definierbare schmerzende Zonen auf. Vor allem der rechte hintere Oberschenkel ist noch reichlich "dicht". So hieve ich denn meine Beine an jeder Brücke im Park auf die Brüstung, und das Dehnen tut nach einem kleinen Anfangsschmerz richtig gut. Antraben - Gehen - Dehnen - Gehen - Dehnen - Antraben. Fast 40 Minuten benötige ich für die kleine Trainingsrunde, die in meinem normalen Trainingstempo maximal 11 dauert, aber darauf kommt es heute nicht an.

Ich schwebe und lasse das Rennen und was danach kam durch meine Gedanken passieren: Geplant hatte ich, einen 5:45er-Schnitt zu laufen und mich (derart "ausgeruht", wie ich es geplant hatte), bei trotzdem einsetzender Erschöpfung am Ende gegen 6 Minuten pro Kilometer abfallen zu lassen. Nach meinen bisherigen Erfahrungen mit mir selbst hätte ich eigentlich wissen müssen, dass solches Gemach nicht klappen kann. Also bin ich ruck-zuck in einer Gruppe, die 5:30 läuft, schließe bereits in der 2. Runde zur Ersten auf - und habe in der dritten alles andere als eine Wahl, ihr nicht erstmal davon zu laufen.

Zischen Kilometer 30 und 70 funktioniere ich wie ein Uhrwerk. An jeder Kilometermarke souffliere ich mir die Durchgangszeit an der nächsten, strikt getaktet auf 5:30 Min./Km, was erstaunlich leicht klappt. Meine Marathon-Durchgangszeit ist neue persönliche Bestmarke, ebenso die über 50 Kilometer. An was ich nicht denke, ist Sieg oder gar, jemanden "schlagen" zu wollen. Ich mag diese martialische Sprache nicht, und sie tut mir auch während eines Laufs nicht gut.

Am härtesten male ich mir die Runde von 50 bis 60 Kilometern aus. Man rennt auf keine "Marke" zu, und frisch wie am Anfang ist man auch nicht mehr. Als ich ei 56 Kilometern bin, rede ich mir ein, dass das Rennen nach einer weiteren Runde, bei KM 66, entschieden wird. Das sind immerhin zwei Drittel der Strecke, danach läuft Vieles im Kopf. Auf der siebten Runde fängt "es" dann an weh zu tun. Dennoch werde ich über die 70 hinaus einen guten 6er-Schnitt halten, bis ich mich auch für diese Marke quälen muss.

Am Ende, die Anfeuerungsrufe im Stadion für die Führende, die ich immer noch bin, werden immer frenetischer, ist der geplante Endspurt, den ich mit dem bewussten Herunterschrauben auf den 6er-Schnitt vorbereiten wollte, nicht mehr drin.

Ein Außenstehender würde vielleicht sagen, es waren "nur noch" 7 Kilometer, und weshalb ich mir am Ende noch 3 Minuten abnehmen lasse. Mein Eindruck ist, dass, wer so redet, nicht nachvollziehen kann, was bei einem solchen Rennen zwischen Kopf und Körper vorgeht. Dass man den Körper an die Grenze trimmt, und hofft, dass das bis zum Ende hält. Wenn nicht, und wenn wie bei mir Magenkrämpfe und Schwindel bei jedem Verschärfungsversich hinzukommen, lässt sich einfach nichts mehr machen.

Nun ja, die 9 Stunden möchte ich mir dann aber doch noch holen, und als ich nach 8:36:30 Stunden die Marke "Kilometer 97" passiere, weiß ich, dass es "drin" ist. Der Rest ist Geschichte, Erleichterung und der Vorsatz, meinen Körper und meine Motivation erstmal zu sortieren, bevor ich mich ins nächste Abenteuer stürze.

Den Geburtstagsbrunch bei einer Freundin gestern habe ich in der strahlenden Sonne genossen - auch wenn ich mit Abstand wohl diejenige war, die am wenigsten aß. Auch sonst sind Fressorgien und Alkoholexzesse ausgeblieben. Ich geniße den Zustand des "geschafft" und möchte mich an dieser Stelle an alle wenden, die meine Vorbereitung und meinen Bericht hier so mitfühlend verfolgt haben:

Danke für die Blumen!

Sonntag, 17. August 2008

Schön, wenn der Schmerz nachlässt

Es gibt viele mehr oder weniger geistreiche Witze, in denen die Begründung für ein scheinbar sinnloses oder sogar unangenehmes Tun lautet: "Es ist so schön, wenn der Schmerz nachlässt." Gestern konnte ich eine weitere Erfahrung dieser Art meinem Packerl hinzufügen. Als ich nach dem Zieleinlauf des 100ers mehr oder weniger schnurstracks auf der Massagebank gelandet war, merkte ich, wie erschöpft ich wirklich war. Zwar blieben die üblichen Krämpfe aus, und man hätte mich wohl mit beliebiger Brutalität durchkneten können, ohne dass es einen merklichen Unterschied zum Gefühl in meinen Beinen dargestellt hätte.

Schwerer als die körperlichen Schmerzen wogen dagegen der Eindruck, jeden Moment in Tränen auszubrechen und der Wille, dies zu vermeiden. Jedenfalls bin ich noch nie in meinem Leben gleichzeitig so glücklich und so erleichtert gewesen. Da das Massagezelt direkt neben dem Zieleinlauf bzw. Rundendurchlauf im Stadion stand, sah ich mit einem Auge, wie draußen weitere Läufer ins Ziel kamen. Vor allem aber hörte ich den Rennkommentator, wenn er ansagte, dass einige der Durchlaufenden noch eine, zwei oder gar 3 der 10-Kilometer-Runden zu bewältigen hätten. Allein der Gedanke an die noch folgenden Qualen ließ mich beinahe ohnmächtig werden.

Was gefühlsmäßig danach kam, ist schwer zu beschreiben. Wohl weil ich mich über die Maßen verausgabt und vielleicht auch irgend eine Verpfelgung nicht richtig vertragen hatte, rebellierte mein Magen von dem Moment an, wo ich ihm die Chance gab, aus der übermächtigen Gefühlsduselei auszubrechen. Das war ca. 1 Stunde nach Zieleinlauf. Dass mir das lang ersehnte Weizenbier ("mit Alkohol", wie ich es mit übermütigem Nachdruck bestellte) danach keine rechte Freude machte, erklärt sich wahrscheinlich von selbst. Nach einem nicht regenerationsgerechten Abendbrot (Bauernfrühstück mit Salatgurke) folgte schließlich eine unruhige Nacht - brennende Oberschenkel, Schmerzen beim Umdrehen im Schlafsack und ein unruhiger Bauch sollen hier als Beschreibung genügen.

Kurzum: Ich bin noch nicht an dem schönen Punkt angekommen, an dem der Schmerz nachlässt. Und freue mich so sehr, jetzt Zeit für andere Beschäftigungen zu haben, dass der nächste Lauf gern noch etwas warten kann...

Donnerstag, 7. August 2008

Hundert, jetzt komm' ich!

"Erfahrungsresistent". Bei einem Ultra, zumal einem geführten Gruppenlauf, schwirrt so manch hinterlistig-tiefgründiges Wort durch die Luft. Dass es mir ausgerechnet dieses angetan hat, kann mit nichts anderem zu tun haben, als dass nichts einen Ultraläufer besser charakterisieren könnte.

Hatte nicht ich selbst am Samstag zuvorbeteuert, nie wieder laufen zu wollen? Heute lernte ich: "Glaube nie einem Läufer, der NIE sagt." Denn in der Tat ist es ein wunderbares Erlebnis, dieses Crossen der Finish-Line, die Erleichterung, fast schon Erlösung, heiße Dusche, Massage.

Doch auch der Weg hat seinen besonderen Reiz. Das Wunder des Selbst, das sich immer wieder motivieren kann, noch einen weiteren Schritt vor den anderen zu setzen. In Vorfreude auf das, was da am Ende sein wird, aber auch darüber, wie viel Kraft, Ausdauer und pure Energie man in einen Körper hinein trainieren kann.

Deshalb steht für mich seit heute - und nach einer angenehmen Ultra-Erfahrung am Sonntag fest: Leipzig, ich komme! Denn für die einen ist es eine Tortur, für die anderen das längste Lauferlebnis der Welt.