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Samstag, 6. Juni 2009

Endlich entschieden

Morgen ist ein besonderer Tag. Das wird sich daran zeigen, dass eine lästige Pflicht mich nicht zuerst auf die angestammte Laufstrecke, sondern in irgendeine in der Nachbarschaft liegende Schule führen wird. Ihr ahnt es: Es ist Europawahl, und wenn ich ehrlich bin, hätte ich das beinahe vergessen. Nicht, dass ich mich nicht für Politik interessieren würde. Aber derzeit habe ich gerade eine Art Überdruss, und ein weiteres Problem ist, dass ich von keiner der antretenden Parteien ihre Position zu Europa so gut kenne, dass ich mich begründet für oder gegen sie entscheiden könnte. Andererseits: Nichtwählen? Das habe ich ein einziges Mal gemacht, und danach hat mich dann noch nach Wochen das schlechte Gewissen geplagt. Was soll aus einer Dekokratie werden, wenn niemand hingeht? Eben deshalb bin ich froh, endlich an dem Punkt angekommen zu sein: ich werde pflichtbewusst hingehen; und ich werde mit meiner Stimme für eine demokratische Partei verhindern, dass irgendwelche Verrückten im Parlament dieses Kontinents die Oberhand erhalten. Na endlich!

Freitag, 14. November 2008

Fehllösungen

"Hüten wir uns, denen die Wahrheit mitzuteilen, die nicht im Stande sind, sie zu fassen." (Rousseau, "Émile")

Dass es mit der Welt nicht zum Besten steht, konnten wir in der Blogger-Community in letzter Zeit immer und immer wieder lesen, zum Beispiel hier, hier oder auch hier. Urheber der Misere ist nicht der Mensch, wie es oft euphemistisch-distanzierend ausgedrückt wird, sondern sind Menschen, wir!

Nachdem sich meine Vorschreiber so inbrünstig den Resultaten menschlichen Fehlverhaltens gewidmet haben, drängte sich mir unmittelbar die Frage auf, warum wir es eigentlich nicht schaffen, unsere Sache besser zu machen. Ich meine, die ersten Berichte über Umweltzerstörung und nicht nachhaltiges Wirtschaften gab es im 19. Jahrhundert. Was nicht verhindert hat, dass ein Großteil der Industrialisierung auch danach nicht umweltschonender ablief, der Mensch sich weiterhin an seinen Mitgeschöpfen und sogar an anderen Menschen in unfassbarer Weise vergriff und immer noch vergreift, und das alles ohne Not und unter wiederholten Beteuerungen, es jetzt besser machen zu wollen, als in der Vergangenheit.

Wenn ich mich allerdings umsehe und in Anbetracht der Dinge, die ich auch durch meinen bewusst eingeschränkten Medienkonsum noch mitbekomme, dann scheinen wir hier nicht über Lippenbekenntnisse hinaus zu gelangen. Im Gegenteil werden mit Worten und vermeintlich vernünftigen Argumenten diejenigen niedergedroschen - oder von vornherein klein gehalten - die auf vorhandene Schieflagen aufmerksam machen. Der Protest gegen das klammheimich werdende Atom-Endlager Gorleben in der letzten Woche, an dessen Grundaussagen eigentlich kein Zweifel bestehen kann, ist dafür ein ebenso haarsträubendes Beispiel wie die Tatsache, dass es den US-Amerikanern und Briten allen Ernstes möglich war, trotz erwiesenermaßen falscher Beweislage den Irak-Krieg vom Zaun zu brechen. Gehässig hat man diejenigen gescholten, die, aus einem dumpfen Gefühl heraus oder auf fundierter Grundlage ein "zweites Vietnam" voraussagten; eine Sichtweise, die inzwischen wegen der misslungenen "Befriedung" (ein Begriff, der im Zusammenhang mit dem Selbstbestimmungsrecht eines Volkes so absurd ist wie Prügelstrafe für den Aubau kindlichen Selbstbewusstseins) nicht nur von vielen Irakern genau so empfunden wird. Und wem man seine vorgeblich unlauteren Motive nicht so unmittelbar unterstellen konnte, den diskreditiert(e) man mit dem Urteil "mangelnder Vernunft": ein Diktator muss nunmal weg (zumal wenn er es nicht mehr schafft, den Zugang zu weltwirtschaftlich wichtigen Ressourcen - sprich Öl - zu gewährleisten), und welche Alternative hat denn unser Wunderland zum Energielieferanten Kernkraft?

Niemand scheint zu bemerken, dass all diesen Argumenten nur ein einziges Motiv unterliegt: der Wahn, immer mehr immer schneller und immer "besser" zu machen, angetrieben durch eine Maschinerie, deren einziger Maßstab monetär ist, kaltes, inhumanes Geld. Diese Blindheit für das Wesentliche hat sich gerade in den letzten Monaten besonders extrem ausgewirkt. Denn was ist eine durch Schwierigkeiten an der Börse ausgelöste Krise der realen Wirtschaft anderes als der Irrglaube, dass überbewertete Chimären, die nicht mal mehr als Dollar-Noten oder Papier-Aktien, sondern nur in Computern als Bits und Bytes existieren, sich ernsthaft darauf auswirken könnten, wieviel Getreide wächst oder ob mir der Bauer um die Ecke Radischen für 50 Cent oder einen Euro das Bund anbietet?

Damit komme ich zurück zu der Frage, warum wir Menschen es eigentlich nicht besser machen. Und ich denke, die Angst, sich aus eingefahrenen Mustern zu lösen und gegen den Strom zu schwimmen, spielt dabei eine Hauptrolle. Das beginnt beim Medienkonsum und endet beim Handeln in viel individuelleren Situationen. Denn, ganz ehrlich: von der derzeitigen Krise der Weltwirtschaft hätte ich ohne die Medien rein gar nichts mitbekommen: meine Bank ist nicht pleite, mein Arbeitgeber auch nicht (oder schon lange, wie man's nimmer beim Öffentlichen Dienst) und die Preise einzelner von mir konsumierter Artikel lerne ich nicht in der Weise auswändig, dass sie zwangsläufig zum Seismographen für derartige Entwicklungen werden. Außerdem habe ich ganz stark den Eindruck, dass die "Vierte Macht" ihrer Aufgabe als Informationslieferant und Kontrolleur eben nicht alle Ehre macht. Stattdessen wird ein einmal begonnener Hype unterstützt, wird unreflektiert die Meinung der Mehrheit und vor allem der Mächtigen weiter posaunt, ohne kritisch zu hinterfragen und dadurch die Krise unnötig angeheizt.

Wie wäre es mal mit einem Gedankenexperiment zu einem autarken Leben? Aber auch diese Denkweise steht ja unter Deskreditierung wegen des Generalverdachts von "Sozialismus", wobei sich mir der damit verbundene Horror - abgesehen von realen Beispielen des vergangenen Jahrhunderts - nicht so recht erschließen mag. Dabei geht es eigentlich nur um das, was Watzlawick "Lösungen zweiter Ordnung" genannt hat. Es geht um ein Ausbrechen aus eingefahrenen Wegen. Von dort ließe sich vielleicht eine Außenperspektive einnehmen. Und diese würde uns dann nicht zeigen, dass alles doch nicht so schlimm ist; sondern klarmachen, wo der Schuh nicht scheinbar - siehe Medienhype - drückt, sondern tatsächlich.

Leider gibt es aber in der Welt keine Institutionen für "Problemlösungen zweiter Ordnung". Das Schauen über den Tellerrand und das Denken "out of the box" werden als nicht zielführend, ineffizient und esoterisch abgetan. Selbst eine Welt-Klimakonferenz beschäftigt sich nicht eigentlich mit den Ursachen des Klimawandels, sondern nur ganz banal mit quantitativen Zielen, mit denen man auf Basis einer mehr oder weniger verlässlichen Schätzung sich auf minimale Änderungen gegenüber dem Status quo einigen möchte. Dasselbe gilt für unser Wirtschaftssystem, an dem individuelle Bezahlung noch immer an einen starren Begriff unmittelbarer Verwertbarkeit gekoppelt ist; die Alternative, ein bedingungsloses, die physische und soziale Existenz sicherndes Grundeinkommen, ist auf der eigentlich politischen Bühne nicht einmal diskussionswürdig.

Ich könnte so noch eine Weile weiter schreiben, Kritikpunkt an Verschlimmbesserung reihen und immer wieder aufzeigen, dass Lösungen nicht unmöglich sind. Dies setzt aber das Hinterfragen der beschriebenen "Fehllösungen", ihrer Inhalte und Institutionen, voraus. Wäre es möglich, dass dies den meisten Menschen im Moment ebenso unbegreiflich wie vor allem unzumutbar ist? Und dass deshalb Andersdenker systematisch (wenn womöglich auch ungewollt) diskreditiert werden? Das wäre zumindest in Grund, warum wir scheitern...

Freitag, 24. Oktober 2008

Erfolgsmeldung?

Eigentlich wollte ich den Blogger-Tag heute maximal langweilig gestalten. Mit einer Meldung darüber, dass es bei mir wieder aufwärts geht und ich nun auch noch dazu komme, den goldenen Herbst zu genießen (ist hiermit vermeldet).

Doch unversehens macht einem die "große Politik" einen Strich durch die Rechnung. So genannte Ganzkörperscanner sollen es möglich machen, die Sicherheitskontrollen an Flughäfen ohne Berührung durchzuführen. Stattdessen wird jeder potenzielle Passagier auf einem Bilschirm sichtbar, "so wie der Herr uns gemacht hat".

Und schwupps steht eine Koalition von den Grünen bis zur katholischen Bischofskonferenz auf den Hinterbeinen. Von einem "Verstoß gegen die Menschenwürde" ist gar die Rede. Da frage ich mich doch, ob das unselige Gegrapsche, dass ich am Flughafen meist über mich ergehen lassen muss (bei mir "piepts" fast immer) dem in irgendetwas nachsteht. Ich meine, es ist vielleicht Geschmackssache, aber an meinem Körper an sich habe ich nichts zu verbergen, das sich jemand mit genügend Phantasie nicht ohnehin schon denken könnte ("Wir sind alle gleich, Hochwohlgeboren ;-)"). Oder wurde da unser Establishment nur unangenehm-direkt darauf gestoßen, dass die meisten seiner Mitlieder schon mit Kleidung nicht gutes erahnen lassen?

Und was ist mit Perversion? Da denke ich, wer sich extra für so einen besch... Job am Flughafen mit 12-Stunden-Schichten an den durchzugigen Einlässen zum Gate bewirbt, verdient unser Mitleid. Und nicht unsere Panik davor, er könnte an dem Leib, der wir nun einmal auch sind, etwas finden. Überhaupt Panik: Ist es - wenn dem denn so sei - angemessen, eine große Zahl von Menschen einem Verstoß gegen ihre Würde auszusetzen, nur um ganz eventuell mal einen Bösewicht davon abzuhalten, noch eventueller eine geringe Zahl von uns leicht verfrüht ins Jenseits zu beförderen? Meiner Meinung nach sind hier ein wenig die Maßstäbe verloren gegangen. Und zur Ganzkörperscanner-Affäre: Haben wir keine anderen Sorgen???

Dienstag, 21. Oktober 2008

Ich kann's nicht mehr hören!

Wer die Überschrift meines Posts als Aufschrei eines gequälten Gemüts deutet, liegt richtig. Denn heute war Bildungsgipfel, und so wurde mal wieder eines meiner Lieblingsthemen in der Öffentlichkeit breit getreten - natürlich mal wieder unter gelinde gesagt tendenziöser Perspektive.

Denn wenn man der Politik und den Forschern, die sie für meine Begriffe allzu bereitwillig unterstützen, glauben schenken darf, dann steht es böse um Deutschlands Kinder und Jugendliche. Wer aus "kleinen Verhältnissen" kommt, landet auf der Hauptschule, heißt es da. Und wer auf der Hauptschule landet, hat selbstredend keine Chance mehr, aus seinem Leben etwas zu machen.

Schade nur, dass die Populisten und Schlagzeilen-Drescher bei ihren Kampfreden das Kleingedruckte vergessen. Es stimmt nämlich gar nicht, dass alle Kinder aus weniger gut situierten Verhältnissen auf den (aus meiner Sicht von der selbst ernannten Öfentlichkeit erst dazu gemachten) "niederen" Schulformen landen. Ich sehe mich selbst als Beispiel dafür, und kann mich an keine Situation erinnern, in der ich von irgendeiner Lehrperson aufgrund meiner sozialen Herkunft bewertet worden wäre.

Angesichts eines Beispiels, das ich heute in der Sendung Frontal 21 (ZDF) aufschnappte, gingen bei mir aus ganz anderen Gründen alle Fragezeichen auf. Mit einer "2,5" als Durchschnittsnote würden nach der 4. Klasse 75% der Kinder aus besseren Vehältnissen für das Gymnasium empfohlen - und nur 23% der weniger gut gestellten Kinder. Dabei frage ich mich eher, ob nicht letztere realistisch weg gekommen sind - und die 75% der vermeintlich "Reichen" genau diejenigen, die es irgendwann schaffen werden, selbst die Gymnasien noch auf Niedrigstniveau herunter zu bremsen.

Und aufgrund solcher verzerrten Maßstäbe wird sich dann auch noch hingestellt und behauptet, die Bildung scheitere am Geld. Erstens hat Bildung nicht sonderlich viel mit Geld zu tun. Und zweitens könnte man denen, die davon wirklich profitieren können, mit den vorhandenen Ressourcen weit bessere Möglichkeiten eröffnen, wenn man diese nicht durch einen überzogenen Fördergedanken nach Strich und Faden verwässern würde. Damit meine ich nicht, Hauptschüler vegetieren und mehr manuell ausgebildete zur permanenten Unterschicht degenerieren zu lassen. Ich meine vielmehr: unabhängig vom Geld - jedem das Passende.

Übrigens war auch die ursprüngliche Idee von Humboldt, jeden im Bildungssystem so lange und vor allem so spezifisch zu fördern, dass daraus ihm selbst und der Gesellschaft maximaler Nutzen entsteht. Das nenne ich wahren Humanismus. Also Schluss mit dem unterschwelligen Faschismus-Generalverdacht gegen alle, die individuelle Leistungsfähigkeit als Kriterium für die persönlichen Bildungsmöglichkeiten ansehen. Und wie fühlt sich wohl ein Gymnasiallehrer, der allein aufgrund der Schulform als elitistisch und daher un-pädagogisch abgestempelt wird? Auch das kann ich nicht bestätigen - und das populistische Gerede nicht mehr hören!

Montag, 4. August 2008

Überzeugen - unmöglich!?

Von der Motivation wussten wir es schon immer, vom Lernen haben wir's geahnt. Dass es auch für den in sozialen und zwischenmenschlichen Dingen so häufig gebrauchten Vorgang des Überzeugens gilt, überrascht keineswegs.

Dennoch enttäuscht es ein bissche, dass sowohl Wissenschaftler als auch Praktiker unseres sozialen und politischen Lebens zu dieser Überzeugung gelangen: Man kann nicht überzeugen! Gekommen ist das Gespräch auf dieses Thema mit einer Kollegin auf dem Weg zum gemeinsamen Mittagessen. Während sie mir also im Brustton der eigenen Meinung von einem Seminar berichtet, auf dem sie genau dies erfahren hatte, hielt ich noch einige Erzählzüge dagegen: Schließlich gäbe es ja schon so etwas wie eine Logik der Dinge, über die eventuell Uneinigkeit bestünde. Zumindest im Falle purer unschuldiger Uninformiertheit müsse "überzeugen" also funktionieren.

Schließlich gab ich auf mit dem Gefühl, in diesem Wortduell nicht nur verbal, sondern damit zugleich auch in der Sache eindeutig unterlegen zu sein. Und dann fällt mir auch noch ein Mann vom Fach (oder eigentlich fallen gleich drei) in den Rücken. Das Argument (wenn man es noch so nennen darf) von Scharpf u.a. (1977) geht wie folgt:

Es gibt bei Uneinigkeit drei Strategien: Information, Überzeugung sowie Durchsetzung (für uns nicht relevant). Während die Informationsstrategie auf dem von mir oben angeführten Argument der bis zum Zeitpunkt ihres Einsatzes unvollständigen Informiertheit der Gegenseite beruht, schickt sich die Überzeugungsstrategie an, die Bewertung der gegebenen Informationen durch die Gegenseite zu verändern. Zwar kommt dies dem "Überzeugen" im alltäglich gebrauchten Sinne nahe; jedoch machen die Experten zwei wichtige Einschränkungen:

1) Überzeugungs- und Informationsstrategien lassen sich nicht sauber von einander trennen. Dies kann wird deutlich, wenn man sich bewusst macht, dass "Information" sich nicht nur auf den zu lösenden Sachverhalt bezieht, sondern auch auf die Lösungsoptionen und -wege. "Die Schwierigkeit der Abgrenzung reflektiert die praktische Interdependenz kognitiver und normativer Bewusstseinsinhalte." (ebd. S.48)

2) Überzeugungsstrategien funktionieren nur dann, "wenn sie an Wertprämissen appellieren können, die der Adressat selbst bereits akzeptiert hat" (ebd.) Im Klartext: Wenn der Adressat bereits überzeugt ist!

Auch wenn ich noch einige Fragen zum Text hätte, beispielsweise ob das Wort "kurzfristig" im Zusammenhang mit wirksam sein sich auf das Prädikat des Satzes bezieht oder auf den ganzen Satz (Bedeutungsunterschied: entweder Betonung auf kurzfristig oder Gegenüberstellung mit längerfristig) und was genau die Bedeutung von "normativ" vor Überzeugungsstrategie ist (wäre eine kognitive Ü. nicht eine Informationsstragie?), gebe ich mich jetzt vorerst geschlagen.

Pech für die Gegenseite nur: Sie haben mich überzeugt!

Literatur: Scharpf, F.W. u.a. (1977): Politikverflechtung: Theorie und Empirie des kooperativen Föderalismus in der Bundesrepublik. Kronberg/Ts. [Ergebnisse der Sozialwissenschaften; 1]