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Freitag, 14. November 2008

Fehllösungen

"Hüten wir uns, denen die Wahrheit mitzuteilen, die nicht im Stande sind, sie zu fassen." (Rousseau, "Émile")

Dass es mit der Welt nicht zum Besten steht, konnten wir in der Blogger-Community in letzter Zeit immer und immer wieder lesen, zum Beispiel hier, hier oder auch hier. Urheber der Misere ist nicht der Mensch, wie es oft euphemistisch-distanzierend ausgedrückt wird, sondern sind Menschen, wir!

Nachdem sich meine Vorschreiber so inbrünstig den Resultaten menschlichen Fehlverhaltens gewidmet haben, drängte sich mir unmittelbar die Frage auf, warum wir es eigentlich nicht schaffen, unsere Sache besser zu machen. Ich meine, die ersten Berichte über Umweltzerstörung und nicht nachhaltiges Wirtschaften gab es im 19. Jahrhundert. Was nicht verhindert hat, dass ein Großteil der Industrialisierung auch danach nicht umweltschonender ablief, der Mensch sich weiterhin an seinen Mitgeschöpfen und sogar an anderen Menschen in unfassbarer Weise vergriff und immer noch vergreift, und das alles ohne Not und unter wiederholten Beteuerungen, es jetzt besser machen zu wollen, als in der Vergangenheit.

Wenn ich mich allerdings umsehe und in Anbetracht der Dinge, die ich auch durch meinen bewusst eingeschränkten Medienkonsum noch mitbekomme, dann scheinen wir hier nicht über Lippenbekenntnisse hinaus zu gelangen. Im Gegenteil werden mit Worten und vermeintlich vernünftigen Argumenten diejenigen niedergedroschen - oder von vornherein klein gehalten - die auf vorhandene Schieflagen aufmerksam machen. Der Protest gegen das klammheimich werdende Atom-Endlager Gorleben in der letzten Woche, an dessen Grundaussagen eigentlich kein Zweifel bestehen kann, ist dafür ein ebenso haarsträubendes Beispiel wie die Tatsache, dass es den US-Amerikanern und Briten allen Ernstes möglich war, trotz erwiesenermaßen falscher Beweislage den Irak-Krieg vom Zaun zu brechen. Gehässig hat man diejenigen gescholten, die, aus einem dumpfen Gefühl heraus oder auf fundierter Grundlage ein "zweites Vietnam" voraussagten; eine Sichtweise, die inzwischen wegen der misslungenen "Befriedung" (ein Begriff, der im Zusammenhang mit dem Selbstbestimmungsrecht eines Volkes so absurd ist wie Prügelstrafe für den Aubau kindlichen Selbstbewusstseins) nicht nur von vielen Irakern genau so empfunden wird. Und wem man seine vorgeblich unlauteren Motive nicht so unmittelbar unterstellen konnte, den diskreditiert(e) man mit dem Urteil "mangelnder Vernunft": ein Diktator muss nunmal weg (zumal wenn er es nicht mehr schafft, den Zugang zu weltwirtschaftlich wichtigen Ressourcen - sprich Öl - zu gewährleisten), und welche Alternative hat denn unser Wunderland zum Energielieferanten Kernkraft?

Niemand scheint zu bemerken, dass all diesen Argumenten nur ein einziges Motiv unterliegt: der Wahn, immer mehr immer schneller und immer "besser" zu machen, angetrieben durch eine Maschinerie, deren einziger Maßstab monetär ist, kaltes, inhumanes Geld. Diese Blindheit für das Wesentliche hat sich gerade in den letzten Monaten besonders extrem ausgewirkt. Denn was ist eine durch Schwierigkeiten an der Börse ausgelöste Krise der realen Wirtschaft anderes als der Irrglaube, dass überbewertete Chimären, die nicht mal mehr als Dollar-Noten oder Papier-Aktien, sondern nur in Computern als Bits und Bytes existieren, sich ernsthaft darauf auswirken könnten, wieviel Getreide wächst oder ob mir der Bauer um die Ecke Radischen für 50 Cent oder einen Euro das Bund anbietet?

Damit komme ich zurück zu der Frage, warum wir Menschen es eigentlich nicht besser machen. Und ich denke, die Angst, sich aus eingefahrenen Mustern zu lösen und gegen den Strom zu schwimmen, spielt dabei eine Hauptrolle. Das beginnt beim Medienkonsum und endet beim Handeln in viel individuelleren Situationen. Denn, ganz ehrlich: von der derzeitigen Krise der Weltwirtschaft hätte ich ohne die Medien rein gar nichts mitbekommen: meine Bank ist nicht pleite, mein Arbeitgeber auch nicht (oder schon lange, wie man's nimmer beim Öffentlichen Dienst) und die Preise einzelner von mir konsumierter Artikel lerne ich nicht in der Weise auswändig, dass sie zwangsläufig zum Seismographen für derartige Entwicklungen werden. Außerdem habe ich ganz stark den Eindruck, dass die "Vierte Macht" ihrer Aufgabe als Informationslieferant und Kontrolleur eben nicht alle Ehre macht. Stattdessen wird ein einmal begonnener Hype unterstützt, wird unreflektiert die Meinung der Mehrheit und vor allem der Mächtigen weiter posaunt, ohne kritisch zu hinterfragen und dadurch die Krise unnötig angeheizt.

Wie wäre es mal mit einem Gedankenexperiment zu einem autarken Leben? Aber auch diese Denkweise steht ja unter Deskreditierung wegen des Generalverdachts von "Sozialismus", wobei sich mir der damit verbundene Horror - abgesehen von realen Beispielen des vergangenen Jahrhunderts - nicht so recht erschließen mag. Dabei geht es eigentlich nur um das, was Watzlawick "Lösungen zweiter Ordnung" genannt hat. Es geht um ein Ausbrechen aus eingefahrenen Wegen. Von dort ließe sich vielleicht eine Außenperspektive einnehmen. Und diese würde uns dann nicht zeigen, dass alles doch nicht so schlimm ist; sondern klarmachen, wo der Schuh nicht scheinbar - siehe Medienhype - drückt, sondern tatsächlich.

Leider gibt es aber in der Welt keine Institutionen für "Problemlösungen zweiter Ordnung". Das Schauen über den Tellerrand und das Denken "out of the box" werden als nicht zielführend, ineffizient und esoterisch abgetan. Selbst eine Welt-Klimakonferenz beschäftigt sich nicht eigentlich mit den Ursachen des Klimawandels, sondern nur ganz banal mit quantitativen Zielen, mit denen man auf Basis einer mehr oder weniger verlässlichen Schätzung sich auf minimale Änderungen gegenüber dem Status quo einigen möchte. Dasselbe gilt für unser Wirtschaftssystem, an dem individuelle Bezahlung noch immer an einen starren Begriff unmittelbarer Verwertbarkeit gekoppelt ist; die Alternative, ein bedingungsloses, die physische und soziale Existenz sicherndes Grundeinkommen, ist auf der eigentlich politischen Bühne nicht einmal diskussionswürdig.

Ich könnte so noch eine Weile weiter schreiben, Kritikpunkt an Verschlimmbesserung reihen und immer wieder aufzeigen, dass Lösungen nicht unmöglich sind. Dies setzt aber das Hinterfragen der beschriebenen "Fehllösungen", ihrer Inhalte und Institutionen, voraus. Wäre es möglich, dass dies den meisten Menschen im Moment ebenso unbegreiflich wie vor allem unzumutbar ist? Und dass deshalb Andersdenker systematisch (wenn womöglich auch ungewollt) diskreditiert werden? Das wäre zumindest in Grund, warum wir scheitern...

Sonntag, 20. Juli 2008

Im Frühtau zu Berge...



Heute musste ich erstmal Schlaf nachholen. Das liegt daran, dass ich erstens um 5 Uhr aufgestanden bin, zweitens relativ schlecht (weil in einer Turnhalle) geschlafen habe und drittens mal wieder 50 Kilometer gelaufen bin heute. Warum ich mir das antue? Ganz einfach, ich bin verrückt, waghalsig bis an die Grenze der Lebensmüdigkeit und habe keine Ahnnung, womit ich meine Wochenenden sonst rumbringen sollte! So ist wohl das Bild, das "die Öffentlichkeit" (wer auch immer das sei) von Marathonläufern hat und selbstredend auch von solchen, die sich über noch längere Distanzen auf die Strecke wagen. Der bedauerliche Unglücksfall beim Zugspitzlauf kam den Medien im Sommerloch da gerade recht, um noch einmal auf den Hunderttausenden rumzutrampeln, die mit ihrer Zeit etwas besseres anzufangen wissen, als mit Chips, Bier oder Cola vor der Glotze zuzugucken, wie andere sich verausgaben. Wahrscheinlich eignet sich ein statistisch dieser Lebensweise zuzuordneden Tod einfach nicht so sehr für eine gute Story!
Aber zurück zum Thema. Wer noch nie gelaufen ist, wird wahrscheilich sofort an keuchende Überanstrengung und muskelkatriges Schmerzkurieren auf der heimischen Couch (sic!) denken. Tatsächlich gibt es aber ein Geheimnis auf dem Weg zum Laufspaß, und das heißt: Immer schön einen Fuß vor den anderen setzen! Mit etwas (und im Vergleich zu verbreiteten Befürchtungen wahrscheinlich eher wenig) Geduld gibt's dann schon sehr bald "Laufen ohne Schnaufen" und ehe ihr euch's verseht, steht ihr an der Startlinie des nächstgelegenen Stadtlaufs und/oder könnt euch einen Tag gar nicht mehr vorstellen, an dem eure Gedanken nicht einmütig trabend über die Land- oder Stadtschaft geschweift sind. Ja, aber 50 Kilometer?
Na gut, na gut, ich geb's zu, dafür muss auch ich etwas häufiger trainieren und dann unterwegs auch mal die Zähne zusammenbeißen. Aber ansonsten kann ich allen Vorurteilen nur widersprechen: Wir sind keine Einzelgänger, die mit niemandem was zu tun haben wollen; von einem längerem Lauf komme ich selten wieder, ohne eine neue Bekanntschaft gemacht und mehrere wirklich nette Gespräche geführt zu haben. Für's frühe Aufstehen entschädigt es mich dann, wenn ich bereits um 11 Uhr "mein Tagwerk vollbracht habe". Danach gibt's dann meistens noch was zu essen (schmeckt doppelt gut), manchmal Massage und auch die "Segnungen der Zivilisation" in Form warmer Duschen oder Kühlkompressen lernt man erst durch den Kontrast mit der Herausforderung richtig zu schätzen. Wäre jedenfalls schade, wenn sich jemand wegen des "man möchte meinen" (dass alles so und so ist) davon abhalten ließe, es wenigstens mal zu probieren. Im Frühtau zu Berge?