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Sonntag, 28. Juni 2009

Indiaka, Bootstaufe und 2 Läufe

Ein vollgepacktes Wochenende war's, und eins, an dem ich einem guten Vorsatz nachging: mal wieder einen anderen Sport als das Laufen auszuüben. Die Wahl fiel nicht schwer, da sich gerade eine gute Gelegenheit boot, in der Kirchengemeinde die Disziplin Indiaca anzugucken. Ja, ihr lest richtig, denn "zugucken und reinschnuppern" stand auf der Anmeldung.

Dass daraus nichts wurde, lag daran, dass man einerseits für diese Sportart 10 (2x5) Spieler/-innen benötigt; allerdings waren außer mir nur 9 Mitglieder des "harten Kernteams" vertreten. Und zum anderen kann ich natürlich sowieso nicht lange stillhalten, wenn in meiner Nähe gesportelt wird. Da wir die Teams immer mal wieder durchtauschten, kann ich nur berichten, dass ich nicht immer nur verloren habe. Und angestrengt habe ich mich offenbar auch, denn meine rechte Schulter zieht heute ganz schön von den vielen Angaben, die ich machen musste...da ich nur wenige beim ersten Versuch über's Netz (Beachvolleyball) bekam.

Heute Nachmittag ging's dann auf zur Bootstaufe. Und zwar nicht irgendeines Bootes, sondern eines selbst gebauten Kanus. Wenn ich gewusst hätte, dass die Gäste auch fahren dürfen, hätte ich Wechselklamotten eingepackt. Da sich der Kanadier, der zunächst noch aus 3 Einzelteilen zusammengebot werden musste, aber als recht instabil im Wasser entpuppte, verließ mich ein wenig der Mut: ich kenne mich und wollte nicht wasser- und schlammtriefend durch die Stadt zurückradeln müssen. So blieben Bionade, wirklich leckere selbst gemachte Berliner und ein paar Fotos von dem freudigen Ereignis.

Fachfrauischer Zusammenbau:

Das gute Stück wird zu Wasser gelassen:

Jungfernfahrt der stolzen Besitzerin:



Und "for the record" jetzt noch meine Läufe, gestern 10 und heute Vormittag 20 Kilometer.

Sonntag, 12. Oktober 2008

Die Trägheit der Massen

"Conforme se avanza por la existencia, va uno hartándose de advertir que la mayor parte de los hombres — y de las mujeres — son incapaces de otro esfuerzo que el estrictamente impuesto como reacción a una necesidad externa. Por lo mismo, quedan más aislados y como monumentalizados en nuestra experiencia los poquísimos seres que hemos conocido capaces de un esfuerzo espontáneo y lujoso. Son los hombres selectos, los nobles, los únicos activos, y no sólo reactivos, para quienes vivir es una perpetua tensión, un incesante entrenamiento. Entrenamiento = áskesis. Son los ascetas."*


"Mit zunehmenden Lebensalter wird man nicht umhinkommen zu bemerken, dass der Großteil der Männer - und der Frauen - unfähig zu jeder Anstrengung ist, die ihnen nicht unmittelbar als Reaktion auf eine äußere Notwendigkeit aufgezwungen wird. Gleichzeitig bleiben uns diejenigen wenigen Menschen umso einzigartiger und denkwürdiger im Gedächtnis, die wir als spontaner und luxuriöser [d.h. nicht zwingend notwendiger, d. Übers.] Anstrengung fähig kennen gelernt haben. Sie sind die Auserwählten, die Noblen, die einzig Aktiven und nicht bloß Reaktiven, für die das Leben eine immerwährende Spannung, ein ständiges Training ist. Training = Askese. Es sind die Asketen."

(Eigene Übersetzung, entschieden verbessert durch die Anmerkungen von José. Danke dafür!)


Von Verweichlichung war neulich bei Black Sensei die Rede. Und wäre es wahrscheinlich nicht gewesen, wenn das Tragen zu warmer Kleidung bei Menschen, die aufgrund der Errungenschaften von Heizung und Isolierung und auch des Zwangs, einen Großteil ihrer Zeit sitzend oder stehend ohne Kontakt zur Natur zu verbringen, ein reines "Oberflächenphänomen" wäre.

Dass dem nicht so ist, sondern es vielmehr Ausdruck und Symptom der allgemeinen Weigerung ist, den Dingen in die Augen zu sehen und Verantwortung zumindest für sich selbst zu übernehmen, kann im Kleinen wie im Großen alltäglich beobachtet werden. Das beginnt mit den Kollegen (oder wahlweise Beschäftigten anderer Unternehmen), die sich das Leben nicht selbst durch übetriebenen Ehrgeiz oder Feigheit zur Hölle machen - es ist der Chef, der einfach nicht hellsehen kann und so natürlich immer das für mich Falsche tut. Es setzt sich fort bei den ganz jungen Menschen in der Schule, die nicht einfach mal Vokabeln pauken oder "taktisch die Klappe halten" können, wenn ihr vermeintliches Lebensglück von der rettenden Vier abhängt - stattdessen ist der Lehrer schuld. Desgleichen für die Universitäten, die mit dem Bezahlstudium nun "endlich" zur für die Studierenden anstrengungsfreien Traumnotenvergabeeinrichtung geworden sind - nur weshalb bekommt man keinen Job für das Super-Zeugnis?

Doch kommen wir wieder näher zu einem uns allen bekannten Feld, dem Sport. Regelmäßig betrieben, führt er gemäß langjähriger Erfahrung von Praktizierenden (und jetzt sogar in Studien bewiesen) zu einer Verbesserung des körperlichen und seelischen Befindens. Allein: dieser Weg führt über ein Minimum an Anstrengung und Selbstdisziplin, und dieses Ungemach, etwas selbst in die Hand zu nehmen, bevor es zu spät ist, wollen sich Viele lieber ersparen. Wie auch nicht zwischen zu langen (teilweise selbst auferlegten) Arbeitsstunden und vielleicht einer Familie, in der man den zunächst bequemeren Weg der Nicht-Erziehung und Abwesenheit jeglicher Disziplin(ieruung) gegangen ist? Hinzu kommt, dass ein fernes großes Übel (die Folgen langanhaltender Inaktivität) leichter zu ertragen - weil bequemer - ist als ein nahes kleines - die besagte Anstrengung.

Damit ist keineswegs der Sportler als "besserer Mensch" auserkoren. Vielmehr entpuppt sich die körperliche Inaktivität als Zeichen geistiger Trägheit und allgemeiner Unproduktivität, so auch in dem bereits 1937 erstmals erschienen Werk von Ortega y Gasset. In westlich-sozialmechanistischer Manier geht er gründlich den Prinzipien nach, denen entsprechend die Menschen zu übetriebener Selbstzufriedenheit und damit zu allgemeiner Destruktivität gelangen - und beschreibt dabei in gewisser Weise das Negativ östlicher Weisheitslehren. "Lösung statt Lamento" kann in diesem Zusammenhang nur bedeuten, sich auf den Weg zu machen und andere, soweit sie eine minimale Bereitschaft dazu zeigen, auf diesen Weg mitzunehmen. Nicht Unfähigkeit, nicht Hass, sondern Trägheit und Selbstzufriedenheit sind die Grundübel, aufgrund derer der Mensch sich selbst zum Wolf wird. Zu üben, einen Fuß vor den anderen zu setzen, wird zum individuell befreienden Akt, wobei die Schritte gern symbolisch und im übertragenden Sinne verstanden werden dürfen.

*Ortega y Gasset, José: La rebelión de las masas. Madrid, 2006.

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Beobachtungen beim Bahnfahren

Heute bin ich (noch aus Schonungsgründen) wieder nicht gelaufen. Dafür hatte ich einen "Auswärtstermin" und auf dem Weg dorthin mal wieder knapp 3 Stunden Gelegenheit, das Leben "in vollen Zügen" zu genießen.

Heute war die Reise insgesamt sehr angenehm, keine wirklich nervigen Mitfahrenden und auch die Waggons nicht so voll, dass allein das Einsteigemanöver Chancen hätte, beim "Wetten dass?" ins Programm aufgenommen zu werden. Dennoch plädiere ich für einen Ehrenplatz der Bahn als Förderin des Sports.

An keinem Ort werden wohl so viele Muskeln und Fähigkeiten gleichzeitig trainiert, noch ergänzt um eine Ausdauerkomponente wie Laufen müssten Bahnfahrer eigentlich olypiareif werden können. Der Mehrkampf beginnt mit der Disziplin "Ganzkörpergewichtheben von Gepäckstücken" (beim Einsteigen) und endet mit "Dehnen der äußeren Schienbeinmuskulatur" (das man nicht vermeiden kann, wenn man bei dem engen Sitzabstand mal anders als mit Beinen runter sitzen will).

Dazwischen gibt es noch das "Unmittelbar disziplinspezifische Anreizprogramm": Zu beobachten heute zwischen zwei Haltestellen und einem kurzen Gang aufs Örtchen meinerseits. Eine ältere, etwas beleibte Dame hatte es knapp zwei Stunden geschafft, den Sitz neben sich mit einer platzgreifend geparkten Handtasche frei zu halten. Als sie den Platz einmal kurz verließ, wies sie ihre gegenüber sitzende Freundin an, diese verantwortungsvolle Aufgabe zu übernehmen. Ein Fehler, denn schließlich sehen zwei Sitze mit einer Handtasche darauf subjektiv viel leerer aus als ein Sitz mit einer ausgebreiteten Handtasche neben einer korpulenten Frau. Folglich konnte die Freundin einen ebenso korpulenten Mann nicht davon abhalten, sich auf den ursprünglich der Tasche vorbehalteten Platz zu setzen. Die zweite Frau kehrt zum Platz zurück, kurzes, fast unmerkliches Entgleiten der Gesichtszüge, doch natürlich sagt sie nicht, was ihr auf der Zunge liegt (was liegt ihr eigentlich auf der Zunge), sondern bittet den Mann nur, sie kurz auf ihren Platz durchzulassen.

War auch dieses Prozedere schon nicht "gesagt - getan" (man stelle sich den in Zügenüblichen Abstand zwischen Sitz und Tisch vor und eine Dame, deren Umfang diesen vorwärts, rückwärts und seitwärts übersteigt), wurde es danach erst richtig komisch: Herr: "Räusper." (bewegt sich ein wenig, so dass sein halber Oberschenkel über ihrem zum liegen kommt.
Dame: "Laut räusper." (selbe Bewegung mit umgekehrten Rollen)
Herr: (sitz abtast.) Wahrscheinlich suchte er so einen Mechanismus wie in Reisebussen, mit denen man die Reihen seitlich auseinander ziehen kann. (plötzlicher Ruck, ab in die Liegeposition. Mit Mühe wieder aufgesetzt.
Dame: "Noch lauter räusper."
Herr: (bewegt Gesäß und Oberschenek ruckartig auf der Sitzfläche Richtung außen).
Dame: (Versteckt sich hinter Bahn-Kundenzeitschrift)
...
Das Ganze kam dann am nächsten Halt zum Ende, als er sich einen anderen Sitzplatz neben einem schlankeren Menschen suchte. Ob die Message angekommen ist?

Hinzu kommt dann noch eine Übung, die selbst mir als gestandener Sportlerin immer wieder Probleme bereitet: "Linksseitiges isotonisches Training der Halte- und tiefen, schrägen Bauchmuskulatur". Alle Frauen können die Übung nachvollziehen, indem sie eine Bahntoilette aufsuchen. Wer sich aus hygienischen Gründen dann mit einigem Abstand zur Brille hocken möchte, findet als Halt nur eine Stange, die sich in horizontaler Richtung unmittelbar auf Höhe der Knie befindet. Nun muss der Körper an diesem Sportgerät so ausbalanciert werden, dass er weder nach hinten überkippt noch seitlich zu viel Spiel hat. Ganz Geübte können durch eine entsprechende Stellung der Füße noch versuchen, ihre Stoffhose unterdessen vor einem Wischen des überschwemmten Bodens zu bewahren. Und bevor mir jemand einen Vorwurf bezüglich meiner Toiletten-Benutzungstechnik macht: Zumindest das Problem, dass die Haltestange zum Wiederaufrichten nicht richtig angebracht ist, dürfte man auch bei "korrekter Handlungsausführung" haben. In einer Welt, in der vom Handy bis zur Mülltüte alles auf Idiotensicherheit getestet wird, bleibt da eigentlich nur die Frage, weshaln Zugklos von dieser segensreichen Entwicklung bisher ausgeschlossen geblieben sind.

Vielleicht will die Bahn ja schon lange die Sportlichkeit ihrer Fahrgäste fördern und traut sich damit nur nicht an die Öffentlichkeit? Sportclubs sind ja an der Börse derzeit auch nicht so gefragt ;-)